Atomkraftgegner*innen bereiten sich vor

So weit ist die Sache klar: Die Bundesrepublik muss bis 2024 noch 20 Behälter mit hochradioaktiven Abfällen aus dem britischen Sellafield zurücknehmen, die bei der Wiederaufarbeitung verbrauchter Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken angefallen sind. Zielorte der Castor-Transporte sind die „Zwischenlager“ der Atomkraftwerke Philippsburg (stillgelegt), Isar und Borkdorf.

Ein erster Transport über den Nordenhamer Stadthafen der Firma Rhenus Midgard in ein Zwischenlager des stillgelegten Kernkraftwerks Biblis in Hessen war Anfang April vorgesehen und wurde wegen der Covid-19-Pandemie ausgesetzt. Die Gesundheit der für die Absicherung des Transports benötigten Polizistinnen und Polizisten sowie der übrigen Beteiligten sollte nicht gefährdet werden, wie es hieß. Die Genehmigung des ersten Transports mit sechs Castoren über den Seeweg und auf der Schiene gilt allerdings bis Ende des Jahres. Kurz: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Die genauen Termine und Routen der Castortransporte unterliegen aus Sicherheitsgründen der Geheimhaltung. Die im Arbeitskreis (AK) Wesermarsch organisierten Atomkraftgegner*innen und die Initiativen rund um Biblis bleiben allerdings wachsam, wie jüngst in einem Pressegespräch in Nordenham unterstrichen wurde. „Wir sind uns sicher, dass der Transport kommt. Dann stellen wir uns in den Weg“, erklärte Arbeitskreis-Sprecher Hans-Otto Meyer-Ott.

Macht sich der für den Transport in Frage kommende Frachter mit dem Atommüll aus Sellafield auf den Weg, bleiben laut Meyer-Ott nur wenige Tage Zeit, um Atomkraftgegner*innen für die geplanten Aktionen in Nordenham und entlang der Strecke zu mobilisieren. In Nordenham soll dann mit einer Demonstration und einer Mahnwache am Bahnhof gegen den Atommülltransport protestiert werden, von dem nach Einschätzung des Arbeitskreises ein viel zu hohes Sicherheitsrisiko ausgeht. Er kritisiert unter anderem, dass Atommüll aus der Wiederaufarbeitung im Zwischenlager Biblis einlagert werden soll, obwohl es ausschließlich für die eigenen Atomabfälle gebaut und genehmigt worden sei.

Inzwischen hat das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) die sofortige Vollziehbarkeit der Aufbewahrungsgenehmigung für hochradioaktive Abfälle aus der Wiederaufbereitung im Zwischenlager Biblis ausgesetzt. Da der Transport abgesagt wurde und ein neuer Termin nicht in Sicht war, kam die Behörde bei einer rechtlichen Bewertung im Mai zu dem Schluss, dass die Eilbedürftigkeit derzeit nicht mehr vorliege.

Unklar ist, wie sich eine Klage des BUND (Bund für Umwelt und Natur) auf den Transport auswirkt. Die dafür und für die Einlagerung vorgesehenen Atommüllbehälter vom Typ Castor HAW28M verfügten über zwei Deckel und müssten sehr dicht sein, um die hohe Radioaktivität des Atommülls sicher einzuschließen, schreibt der BUND. Sollten Undichtigkeiten am Primärdeckel auftreten, müssten defekte Deckel in einer sogenannten „heißen Zelle“ repariert oder gewechselt werden.

Eine „heiße Zelle“ sei im Einlagerungskonzept aber nicht vorgesehen. Dabei seien in der Vergangenheit durchaus sicherheitsrelevante Probleme aufgetreten, wie der BUND den Angaben nach ausgerechnet aus den Genehmigungsunterlagen erfahren hat. Demnach gab es einen Fall, in dem der Primärdeckel schief aufgesetzt war, so dass ein Metallspan vom Behälter abgeschabt wurde. In einem anderen Fall konnten die Glaskokillen, die das hochradioaktive Material enthalten, laut BUND nicht korrekt eingeführt werden, weil der Behälterkorb verdreht und verzogen war. Auch in diesem Fall soll es Probleme mit dem Primärdeckel gegeben haben.

Der Arbeitskreis Wesermarsch sorgt sich unterdessen auch um die Sicherheit während der Seepassage sowie bei der Verladung. Er erneuerte deshalb nochmal seine Forderung nach einem Eignungstest für die in Frage kommenden Frachter wie die „Oceanic Pintail“. Bei einer sogenannten Hafenstaatkontrolle müsse überprüft werden, ob die internationalen Regelwerke zur Schiffssicherheit, zur Verhütung der Umweltverschmutzung und zu den Arbeits- und Lebensbedingungen von Seeleuten eingehalten werden. In Auftrag geben müsste die Prüfung der für den Hafen zuständige Wirtschafts- und Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU), so Hans-Otto Meyer-Ott. „Die Prüfung muss rechtzeitig vor der Abfahrt erfolgen. Althusmann muss klar machen, dass das Schiff hier sonst nicht anlanden darf.“

Hintergrund der Forderung sind die Erfahrungen mit der „Atlantic Osprey“. Noch sechs Jahre, nachdem die französische Atomaufsicht erhebliche Mängel bei der Handhabung der Beförderung und Entladung sowie beim Schutz der Besatzung vor unnötiger Strahlenbelastung festgestellt hatte, durfte die „Atlantic Osprey“ im September 2012 mit plutoniumhaltigen MOX-Brennelementen beladen in Nordenham einlaufen. Erst zwei Jahre später wurde sie außer Dienst gestellt und schließlich zerlegt.

Hintergrund: Seit 2005 verbleibt der hochradioaktive Müll aus deutschen Atomkraftwerken in Zwischenlagern direkt an den Akw-Standorten wie in Esenshamm zwischen Brake und Nordenham, Lingen (Emsland) und Grohnde (Landkreis Hameln-Pyrmont). Die Zwischenlager sind in der Regel für 40 Jahre genehmigt. Der langfristige Verbleib des Atommülls, von dem noch viele Jahrtausende gesundheitliche Gefahren für Mensch und Tier ausgeht, ist nach wie vor ungeklärt.

Mehr dazu unter:
www.ak-wesermarsch.info/
www.castor-stoppen.de

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